Beziehungen

Verrückt nach Dir: Die Psychologie des Verliebens

„Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist was es ist, sagt die Liebe“ (Erich Fried)
Foto von Azrul Aziz auf Unsplash

Verliebtheit ist definiert1 als vorübergehender Zustand eines erhöhten Interesses an einer anderen Person, einer erhöhten Beschäftigung mit dieser Person, verbunden mit dem intensiven Wunsch nach Nähe und physischem Kontakt, einem Unwillen getrennt von dieser Person zu sein und Gefühlen von Aufregung und Euphorie, wenn man die Aufmerksamkeit dieser Person hat. Warum verliebst Du dich? Wann verliebst Du Dich? Was genau ist Verliebtheit und wie kannst Du beeinflussen, in wen Du Dich verliebst? In diesem Artikel möchte ich diesen Fragen ein wenig auf den Grund gehen.

Zunächst ein Beispiel: Du lernst jemanden kennen. Ihr versteht euch gut. Du magst, wie die Person aussieht. Irgendetwas an ihr kommt Dir vielleicht vertraut vor. Du magst ihre Augen. Du fühlst Dich wohl, wenn ihr sprecht. Irgendwie stellst Du vielleicht irgendwann fest, wie außergewöhnlich witzig sie ist. Und dann eines Tages macht die Person irgendeine Kleinigkeit – vielleicht lacht sie Dich an, vielleicht berührt sie Dich aus Versehen, vielleicht sagt sie irgendetwas Besonderes – und Du bemerkst plötzlich, wie Dein Herz schneller schlägt. Du beginnst, an sie zu denken, wenn sie nicht da ist. Du beginnst, Dich zu fragen, was sie wohl über Dich denkt. Du träumst von ihr. Du beginnst, Dich nervös zu fühlen, bevor Du sie siehst, während Du sie siehst – und hinterher bist Du entweder erschöpft durch den ganzen Stress oder wieder nervös, weil Du bereits an das nächste Treffen denkst. „Bin ich verliebt?“, fragst Du Dich. 

Wann verliebt man sich?

„I’m in the mood for love, simply because you are near me.“ 

Dorothy Fields

Die Wahrscheinlichkeit sich zu verlieben ist selten gleich Null, aber sie variiert durchaus von Situation zu Situation. Die Forschung legt nahe, dass Du Dich eher verliebst, wenn..

  1. …du gerade aufgeregt bist2: Wenn Du physiologisch aktiviert bist, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Du diese Aktivierung auf ein interessantes Gegenüber attribuierst. Dieses Phänomen nennt sich Erregungstransfer.
  2. …du „bereit“ bist3: Mit Bereitschaft ist hier entweder der explizite Wunsch nach Partnerschaft gemeint. Es kann aber auch ein Wunsch nach oder eine Offenheit für Aufregung und Abenteuer sein.
  3. …du mit der Person alleine bist4
  4. …es ein gewisses Gefühl der Rätselhaftigkeit gibt4: Das kann entweder durch eine ungewöhnliche Situation oder durch das Verhalten Deines Gegenübers ausgelöst werden.

Außerdem passieren oftmals zwei Dinge, kurz bevor das Gefühl der Verliebtheit in Dir entsteht5: Die Person, in die Du Dich verlieben wirst, hat Dir oftmals kurz zuvor etwas gegeben, was Du magst oder brauchst. Vielleicht hat die Person Dir geholfen, vielleicht hat sie Dir etwas geschenkt, vielleicht hat sie aber auch einfach zugehört oder auf eine andere Weise ein Bedürfnis in Dir befriedigt. Ein zweiter Faktor, der dem Verlieben oftmals vorausgeht, ist die Realisation deinerseits, dass die Person Dich mag, braucht oder wertschätzt5. Verlieben hat also sowohl etwas mit Deiner Bereitschaft und Deinem momentanen Zustand zu tun als auch mit dem Verhalten der anderen Person und Deiner Interpretation dieses Verhaltens. Ein komplexes Zusammenspiel. 

Was passiert, wenn man sich verliebt?

„Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, glücklich allein ist die Seele, die liebt.”

Johann Wolfgang von Goethe

Wenn Du Dich verliebst, verändern sich hormonelle und neurochemische Prozesse in Deinem Gehirn6: Dein Stresslevel steigt und somit auch der Spiegel des Stresshormons Cortisol. Ebenso wird Dein Belohnungssystem aktiviert und die Konzentrationen an Noradrenalin und Dopamin steigen. Daher kommt das Gefühl als seist Du auf Drogen. Aber es sinkt auch der Spiegel eines wichtigen Neurotransmitters, nämlich des Serotonins. Das ist besonders interessant, da der Serotoninspiegel von verliebten Menschen vergleichbar ist mit dem von Menschen mit einer Zwangserkrankung7. Genauso wenig wie Patienten mit Zwangsstörungen aufhören können, den Herd zu kontrollieren, können Verliebte aufhören an das Objekt der Begierde zu denken. Auf hormoneller Ebene ist Verliebtheit also eine Mischung aus Lampenfieber, Vollrausch und Zwangsstörung. 

Körperlich merkst Du Verliebtheit durch einen erhöhten Herzschlag, eine schnellere Atemfrequenz und eine intensivere Gesichtsröte8. Und was passiert auf der Verhaltensebene? Du suchst die Nähe zu und Intimität mit der Person. Zum Beispiel schauen Verliebte sich öfter intensiv an und berühren sich öfter9. Im Zusammenhang mit den hormonellen Veränderungen kommt es zu einem intensiven Sehnen nach der Person, einem Gefühl der Eifersucht gegenüber potentiellen Rivalen und einem Gefühl der Euphorie – letzteres wird gerne als „Wolke 7“ beschrieben. 

Was unterscheidet Verliebtheit von körperlicher Anziehung?

„It’s just a little crush. Not like I faint everytime we touch”

Jennifer Paige

Die Forschung impliziert, dass es Verliebtheit vor der Pubertät gibt.10

Auch ich erinnere mich, dass ich als Kind ab und zu mal „verliebt“ war – das erste Mal vielleicht mit sechs Jahren? Obwohl sich mein Gefühl damals in der Intensität und auch in der Bedeutung von erwachsener Verliebtheit unterschieden hat, würde ich retrospektiv doch sagen, dass das ein bisschen Verliebtheit war. Aber ohne körperliche Anziehung. Zwar erinnere ich mich mit Bestürzen an Szenen im Garten, in denen ich meinem Nachbar Kevin folgenden Deal angeboten habe: Er küsst mich und wir spielen weiter. Manchmal hat das geklappt. Mit Lust hatte das natürlich nichts zu tun. Das war halt das, was man macht, wenn man verliebt ist. Wusste ich auch als Kind schon. Mehr wusste ich nicht. 

Und im Erwachsenenalter? Da gehören Verliebtheit und körperliche Anziehung schon eher zusammen. Zumindest empfindest Du in der Regel körperliche Anziehung, wenn Du verliebt bist. Allerdings bist Du nicht automatisch verliebt, wenn Du Dich zu jemandem körperlich hingezogen fühlst.

Neurobiologischer Unterschied zwischen Lust und Verliebtheit

Neurobiologisch betrachtet sind Verliebtheit und Lust zwei verschiedene Paar Schuhe. Würde ich einen Evolutionsbiologen fragen, würde er vielleicht Folgendes sagen: 

„Verliebtheit und Lust haben sich aus unterschiedlichen Gründen entwickelt und laufen neurobiologisch völlig unterschiedlich ab. Sexuelles Begehren wird durch Steroidhormone wie Androgene (z.B. Testosteron) und Estrogene beeinflusst11. Höhere Steroidhormonlevels gehen mit einer gesteigerten Lust einher. Allerdings lässt sich bei der Verliebtheit in heterosexuellen Konstellationen bei verliebten Männern ein erniedrigter Testosteron-Spiegel feststellen, während das Testosteron der verliebten Frau erhöht ist12. Dies ist besonders interessant, da es impliziert, dass sich die Partner in ihrem Testosteronlevel einander angleichen.“

Funktioneller Unterschied zwischen Lust und Verliebtheit

Die Anthropologin Helen Fisher9argumentiert, dass Verliebtheit evolutionär ein Bindeglied zwischen Lust und Bindung ist. Während Lust dazu da war, Nachkommen zu produzieren, habe die Bindung zweier Menschen dazu geführt, dass die Nachkommen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit hatten. Also war Verliebtheit sozusagen der Klebstoff, der durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine Person dazu führte, dass sich aus Lust eine Bindung entwickeln konnte. Auch wenn ich finde, dass nicht jede Erklärung immer aus der Steinzeit kommen muss, ist das doch eine interessante Theorie. 

Kann ich beeinflussen, in wen ich mich verliebe und wer sich in mich verliebt?

„Wise men say only fools rush in.” 

Elvis Presley

Wäre es nicht viel besser, wenn man das schönste aller Gefühle ein bisschen mehr unter Kontrolle hätte? Wenn man sich ein bisschen Bildschirmzeit, Vanilleeis und Taschentücher sparen könnte? Wenn ein paar mehr arrangierte Ehen in einem „Happily ever after“ enden würden? Nicht nur für die Romeos, Julias und jungen Werther dieser Welt wäre das wünschenswert gewesen. Auch unser eigener Selbstwert würde doch profitieren, wenn wir in aussichtslosen Situationen weniger Gefühle investieren könnten. Schauen wir uns daher mal an, ob wir etwas beeinflussen können. 

Wenn Du einer fremden Person für eine gewisse Zeit in die Augen siehst, wirst Du danach höchstwahrscheinlich erhöhte Zuneigung und Liebe für die eigentlich fremde Person empfinden13. Warum ist das so? Im Gegensatz zum einseitigen Anstarren, was eher als gruselig empfunden wird, erlauben wir jemandem, mit dem wir längeren gegenseitigen Blickkontakt halten, ein bisschen Echtheit und somit auch Verletzlichkeit zu sehen13. Somit scheint Verletzlichkeit die Grundzutat zu sein, die es braucht, um sich zu verlieben. Was kannst Du also daraus machen?

Was kannst Du tun, damit er/sie sich auch verliebt?

  1. Wenn Du verliebt bist und Dir wünschst, dass die andere Person sich auch verliebt, suche oft den Blickkontakt. Das mag zunächst unangenehm sein, aber genau darum geht es ja. Die andere Person soll ja sehen, dass Du verletzbar bist und dass Du sie magst. Denn wir haben ja oben gelernt: Wir verlieben uns eher in Menschen, die uns sehr mögen5
  2. Öffne Dich der Person. Sprich über Dinge, die Dir wichtig sind, die Dich emotional berühren. Zeig Deine weiche Seite. Aber Achtung: Damit ist nicht gemeint, dass Du ein Fass voller persönlicher Schwächen über dem Objekt Deiner Begierde auskippst. Sprich lieber explizit über Gefühle. Was macht Dich traurig, wütend, froh? Wovor hast Du Angst?
  3. Ein dritter Weg, der die Vertrautheit und das Level an Verletzlichkeit zwischen Euch erhöht und der relativ leicht zu beeinflussen ist, ist die Situation. Versuche, Situationen herzustellen, die Emotionen auslösen. Vielleicht könnt ihr gemeinsam ein gewisses Maß an Gefahr oder zumindest die Simulation davon13 erleben? Denn es hat schon einen Grund, warum in Dating-Shows so häufig das Bungee bemüht wird…

Gibt es Liebe auf den ersten Blick?

„When I saw you, I fell in love, and you smiled because you knew.” 

William Shakespeare

Es gibt sehr wenig Forschung zu diesem Thema. Ein vorhandener Forschungsbericht14 legt nahe, dass es zu einem Phänomen wie der Liebe auf den ersten Blick kommen kann, wenn mehrere Bedingungen erfüllt sind. Aber was sind diese Bedingungen?

Sagen wir, Du siehst eine Person auf der Straße. Du fühlst Dich zu der Person hingezogen. Was muss passieren, damit es Liebe auf den ersten Blick wird?

  1. Du nimmst eine Person wahr und beurteilst diese als attraktiv.
  2. Du musst Blickkontakt herstellen.
  3. Die Person muss das bemerken.
  4. Sie muss Dich optisch ansprechend finden und deinen Blickkontakt als Interesse interpretieren.
  5. Sie muss den Blickkontakt erwidern.
  6. Du musst das als Zeichen von Interesse bzw. Zuneigung interpretieren.
  7. Ihr müsst den Blickkontakt halten, damit sich ein Gefühl von Intimität einstellt. 

Doch selbst wenn all das passiert ist, ist es am Ende immer noch eine Frage der Interpretation der Betroffenen15. Wenn Du nicht an Liebe auf den ersten Blick glaubst, wirst Du solch ein Phänomen wahrscheinlich retrospektiv eherals „starke Anziehung“ oder „magic moment“ bezeichnen, aber nicht als Liebe auf den ersten Blick. 

Fazit 

Der Prozess des Verliebens ist unerwartet und doch erwartbar, fühlt sich taufrisch und gleichzeitig uralt an. Es ist ein extrem flüchtiger Zustand, definitiv terminiert, wahrscheinlich mit ungewissem Ausgang. Leid ist möglich, Ungewissheit ist vorprogrammiert. Kein anderes Gefühl hat so viele Menschen zu so vielen Dingen inspiriert. Kein anderes Gefühl ist so oft zu Bildern, Liedern und Gedichten geworden. Kein anderes Gefühl wird gleichzeitig so intensiv herbeigesehnt und panisch gefürchtet. 

Abhängig von unseren Erfahrungen gehen wir anders mit diesem Gefühl um. Ich hoffe, durch diesen Artikel ein bisschen Licht ins Dunkle (oder besser: ins Rosarote) gebracht zu haben, denn eigentlich ist es doch so: 

„Wir müssen nichts im Leben fürchten, wir müssen es nur verstehen.“ (Marie Curie) 

Oder?

Verwendete Literatur

[1] Tennov, D. (1979). Love and limerence: The experience of being in love.Stein and Day. 

[2] Dutton, D. G., & Aron, A. P. (1974). Some evidence for heightened sexual attraction under conditions of high anxiety. Journal of personality and social psychology30(4), 510–517.

[3] Reik, T. (2013). A psychologist looks at love. Read Books Ltd.

[4] Aron, A., Dutton, D. G., Aron, E. N., & Iverson, A. (1989). Experiences of falling in love. Journal of Social and Personal Relationships6(3), 243–257.

[5] Shaver, P., Schwartz, J., Kirson, D., & O’Connor, C. (1987). Emotion knowledge: further exploration of a prototype approach. Journal of personality and social psychology52(6), 1061–1086.

[6] Seshadri K. G. (2016). The neuroendocrinology of love. Indian journal of endocrinology and metabolism20(4), 558–563. 

[7] Marazziti, D., Akiskal, H. S., Rossi, A., & Cassano, G. B. (1999). Alteration of the platelet serotonin transporter in romantic love. Psychological medicine29(3), 741–745.

[8] Darwin, C., & Prodger, P. (1998). The expression of the emotions in man and animals. Oxford University Press, USA.

[9] Fisher, H. (2016). Anatomy of love: A natural history of mating, marriage, and why we stray (completely revised and updated with a new introduction). WW Norton & Company.

[10] Hatfield, E. (1987). Passionate and companionate love. In R. J. Sternberg & M. L. Barnes (Eds.), The psychology of love(pp.191–217). Yale University Press.

[11] Diamond, L. M. (2004). Emerging perspectives on distinctions between romantic love and sexual desire. Current directions in psychological science13(3), 116–119.

[12] Marazziti, D., & Canale, D. (2004). Hormonal changes when falling in love. Psychoneuroendocrinology29(7), 931–936.

[13] Epstein, R. (2010). How science can help you fall in love. Scientific American Mind20(7), 26–33.

[14] Grant-Jacob, J. A. (2016). Love at first sight. Frontiers in psychology7, 1113.

[15] Zsok, F., Haucke, M., De Wit, C. Y., & Barelds, D. P. (2017). What kind of love is love at first sight? An empirical investigation. Personal Relationships24(4), 869–885.

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Ein Kommentar

  • Malte

    Wirklich interessanter Artikel,

    Ich hätte nicht gedacht, dass „…ein gewisses Gefühl der Rätselhaftigkeit…“ wirklich zu einer erhöhten Anziehungskraft führt. Aber jemand der zunächst rätselhaft und unnahbar wirkt, der schwebt einem natürlich auch länger im Kopf herum und lässt sich nicht so leicht vergessen. Und das ist vermutlich auch schon der große Zauber, der es schwer macht zu vergessen.
    Es ist wahrscheinlich die faszinierendste Mechanik in unserem Gehirn und gleichzeitig auch die, welche die meisten Menschen nie ganz verstanden haben. Aber durch diesen Artikel hier haben ein paar Menschen das ganze vielleicht ein ganz klein bisschen besser verstanden als vorher. Ich in jedem Fall. Danke 🙂

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