Soziale Beziehungen

„Und was machst Du so?“. Warum Storytelling wichtig für Dich ist und wie Du in 5 Schritten eine fesselnde Geschichte über Dich selbst erzählst

„Wie heißt Du und wie alt bist Du?“, so begannen Freundschaften als ich klein war. Mehr war nicht relevant über das eigene Leben zu wissen als diese beiden Parameter zu kennen. 

„Was machst Du so?“, ist eine der Standardfragen, wenn man im Erwachsenenleben Kontakte knüpft. Sei es zum Smalltalk auf Parties oder beim Online-Daten. Diese Frage fällt den Leuten oftmals als erstes ein. Was schade ist: Die meisten Leute antworten nicht gerne auf diese Frage. Von der „Flirtuniversity“ wird sie sogar gemeinsam mit „Bist Du öfter hier?“ als Schlimmste aller Fragen degradiert. Sicherlich – es ist keine sonderlich einfallsreiche Frage. Aber dennoch eine relevante Frage, wenn wir Leute neu kennenlernen. Nichts sagt so viel über eine Person aus wie das, was sie macht, also ihre Taten. Deshalb wird natürlich danach gefragt.

Warum bekommen die meisten Leute nicht gerne diese Frage gestellt? „Wenn ich auf einer Party bin, und fünfmal dieselbe Frage beantworten muss, dann ist das anstrengend und langweilig“, „Ich bekomme doch immer die gleiche Reaktion, wenn ich erzähle, dass ich beim Finanzamt bin“ – so einige Meinungen aus dem Bekanntenkreis. 

Lass mich eine provokante These aufstellen über den eigentlichen Grund, warum Du diese Frage nicht magst! Ich behaupte, Du magst diese Frage nicht, weil Du Deine Antwort auf diese Frage nicht magst. Du findest nicht, dass sich Deine Antwort interessant, faszinierend, sympathisch und durchdacht anhört. Du fürchtest daher vielleicht auch Nachfragen oder Du fürchtest, dass Dein Gegenüber sich von Dir abwendet – eben weil Deine Antwort zeigt, dass Du nicht interessant, faszinierend und sympathisch bist und offenbar nicht durchdacht hast, was Du so den ganzen Tag tust.

Mir ist Folgendes an mir selbst aufgefallen: Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, antizipiere ich bereits die Reaktion des Gegenübers. In den meisten Fällen bringt mich das – in Abhängigkeit von der Situation und dem Gegenüber –  zu zwei Ängsten: Ich befürchte entweder, dass das Gegenüber mit dem, was ich mache nichts anfangen kann. Das denke ich oftmals, wenn ich mich in einem Umfeld befinde, was nicht akademisch ist. Ich habe dann Angst, dass das Gegenüber mich als arrogant, abgehoben und „nicht eine von uns“ einschätzt. Anders ist es, wenn ich mich in einem akademischen Umfeld bewege. Dann habe ich eine andere Angst. Ich antizipiere interessierte Nachfragen und befürchte, dass ich mein Forschungsthema dann nicht tief genug oder enthusiastisch genug erklären kann. Dann könnte mein Gegenüber mich für uninspiriert oder dumm halten. Ich habe in der Vergangenheit meine Antwort auf diese Frage auf das Gegenüber zugeschnitten, indem ich zum Beispiel Dinge weggelassen habe (zum Beispiel verschwiegen habe, dass ich promoviere) oder bewusst vage geblieben bin bzw. abgelenkt habe, indem ich den Ball schnell wieder zurückgespielt habe (zum Beispiel durch eine Gegenfrage). 

Irgendwann habe ich bemerkt, wie anstrengend und unbefriedigend das ist. Es war nicht so, dass ich das, was ich gemacht habe, nicht mochte. Eigentlich im Gegenteil sogar. Es war aber so, dass ich ungerne darüber sprach. Das machte mich in bestimmten Situationen unsicher und gehemmt. Das wollte ich ändern! 

Die Geschichte, die Du Dir selbst über Dich und Dein Leben und das, was Du machst, zeigt nicht nur Deine Persönlichkeit, sondern istein wichtiger Teil Deiner Persönlichkeit. Die Geschichte, die Du Dir erzählst, setzt sich aus den Dingen zusammen, die Dir passiert sind, die Entscheidungen, die Du getroffen hast und die Bedeutung, die Du daraus gezogen hast. Diese Geschichte sagt daher nicht nur, was Dir passiert ist, sondern auch, was als nächstes passiert. Daher ist es so wichtig, dass wir uns eine Geschichte erzählen, die es zulässt, dass uns gute Dinge passieren. 

Es ist wichtig, dass Du Deine Geschichte magst und es ist wichtig, dass Du darüber sprechen kannst. Ob beim Kennenlernen interessanter Personen im privaten Bereich oder bei Job Interviews: Es wird immer Situationen geben, in denen Du nach Teilen dieser Geschichte gefragt wirst. Wenn Du Deine Geschichte dann überzeugend erzählst, kann das unglaublich machtvoll sein. 

Der Grund, warum Geschichten so machtvoll sind, liegt in unserem Gehirn. In einem kleinen Molekül – nur 9 Aminosäuren lang -, welches im Hypothalamus ausgeschüttet wird. Die Rede ist von Oxytocin – dem Bindungshormon. Oxytocin sagt uns, dass unser Interaktionspartner ungefährlich und vertrauenswürdig ist, und veranlasst uns zu prosozialem Verhalten1. Geschichten mit emotionalen Wendungen führen zu einem Anstieg an Oxytocin und einem gesteigerten Gefühl der Empathie gegenüber den Personen in der Geschichte. Langweilige Geschichten ohne Spannungsbogen haben diesen Effekt nicht2

Wenn eine Geschichte es nicht schafft, die Aufmerksamkeit zu fesseln, wird das Gehirn andere, interessantere Beschäftigungen suchen. Wenn die Aufmerksamkeit allerdings da ist und man emotional mit den Charakteren in der Geschichte mitfühlt und dadurch Oxytocin ausgeschüttet wird, dann ist es, als ob man selbst in der Geschichte ist, als ob sie einem selbst passieren würde. Daher weinen wir, wenn Bambis Mutter stirbt oder zucken zusammen, wenn James Bond von einer Kugel getroffen wird. 

Was bedeutet das für Dich? Das bedeutet, dass Du durch eine gute Geschichte dafür sorgen kannst, dass Menschen Dir nahe sein wollen, dass Menschen Dir helfen wollen, dass Du einen Job bekommst, dass Du neue Kontakte knüpfst. Auch auf Deinen eigenen Umgang mit Dir selbst hat es einen Einfluss, denn sobald Du begonnen hast, Dir die Geschichte Deines Lebens auf eine schöne und spannende Art zu erzählen, wirst Du viel motivierter sein, auch für ein Happy-End zu sorgen.  

Welche Stories sind denn die besten? Theoretiker wie Aristoteles oder Gustav Freytag sagten, dass das Steigen und Fallen der Spannung dazu beiträgt, dass man eine emotionale Verbindung zu der Hauptperson in der Geschichte herstellen kann3. Stories mit einer gewissen Dramaturgie, mit einem Spannungsbogen sind also die besten.

Es scheint so, als ob unser Gehirn, sobald wir aufmerksam und emotional angesprochen sind, in einen Modus der Nachahmung geht und die Verhaltensweisen der Charaktere in der Geschichte nachahmt, bzw. vorwegnimmt. Schauen wir zum Beispiel einen Film, in dem es um einen krebskranken Jungen geht, sind wir danach bereiter, Geld an eine Krebsorganisation zu spenden. Gute Stories führen dazu, dass der Zuhörer in die Story transportiert wird4.  

Was kannst Du nun konkret tun, um Deine Story zu verbessern?

  1. „Was machst Du so?“. Schreib es Dir auf!

Der erste Schritt beim Pfeilen an Deiner Story ist es, sie Dir aufzuschreiben. Ich habe damit begonnen, mir die Antwort auf die Frage, die ich nicht mochte, einfach aufzuschreiben. Schreib auf, was Du machst, wieso Du das machst und wie es dazu kam, dass Du es machst. Du wirst merken, welche Stellen Dir nicht so gefallen und welche Dinge Du vielleicht auch gar nicht so genau beantworten kannst. Vielleicht macht es an der einen oder anderen Stelle auch Sinn, noch einmal drüber nachzudenken, warum Du Dich für diese oder jene Sache entschieden hast. Auf diese Weise lernst Du Dich selbst besser kennen. 

2. Such das Dilemma!

Das Rezept für erfolgreiche Geschichten liegt laut dem Literaturwissenschaftler Jonathan Gottschall in der Formel Hauptfigur + Dilemma + Befreiungsversuch. Du selbst bist natürlich die Hauptfigur Deiner Story. Ideal wäre es nun, wenn Deine Story nicht ganz gerade verläuft und nicht alles friedlich ist. Das ist langweilig. Such nach einem Dilemma. Eine schwierige Entscheidung oder ein Hindernis, welches Du überwinden musstest. Ich bin mir sicher, dass es so etwas in Deinem Leben schon gegeben hat. Bau das in deine Story ein!

3. Vertiefe die Emotionen!

Wie weckst Du Emotionen? Indem Du über Emotionen sprichst oder Emotionen zeigst. Das war mein größtes Problem: Ich habe immer sehr neutral über die Dinge gesprochen, die ich mache oder die mir passiert sind. Das führt aber dazu, dass Dein Gegenüber das Interesse verliert oder Dich nicht einordnen kann. Mach also Emotionen zu einem zentralen Teil Deiner Geschichte. Wie hast Du Dich gefühlt, als Du Dich für Deinen Beruf entschieden hast? Wie fühlst Du Dich jetzt damit? Das Tolle ist: Je mehr Du Dir Deine Geschichte und die verknüpften Emotionen noch einmal vor Augen führst, desto stärker werden diese Emotionen spürbar sein, wenn Du über Teile Deiner Geschichte sprichst. Das passiert ganz unbewusst. 

4. Mach die Story adaptiv!

Nun wirst Du diese Story nicht immer in voller Länge erzählen. Außerdem wirst Du sie auch nicht immer auf dieselbe Art und Weise erzählen. Im Jobinterview wirst Du etwas anderes sagen als beim ersten Date. Ideal wäre es, wenn Du eine Partyversion und eine professionelle Version Deiner Geschichte hast!

5. Führe Deine Story mithilfe eines Tagebuchs weiter!

Ein Tagebuch hilft Dir, Deine Gedanken und Erlebnisse zu ordnen. Viele Erinnerungen sind leider sehr kurzlebig. Die meisten Erlebnisse vergessen wir innerhalb weniger Wochen wieder. Indem Du die Dinge, die Dich bewegen aufschreibst, hast Du die Möglichkeit, Dich später daran zu erinnern, zu vergleichen, wie Du Dich gefühlt hast, und Schlüsse über Deine Entwicklung zu ziehen. So fällt es Dir auch leichter, Deine neuen Erlebnisse in Deine Geschichte zu integrieren!

Literatur

[1] Kosfeld, M., Heinrichs, M., Zak, P. J., Fischbacher, U., & Fehr, E. (2005). Oxytocin Increases Trust in Humans. Nature, 435(2), 673–676. 

[2] Barraza, J. A., & Zak, P. J. (2009). Empathy Toward Strangers Triggers Oxytocin Release and Subsequent Generosity. Annals of the New York Academy of Sciences, 1167, 182–189. 

[3] Zak, P. J. (2015). Why inspiring stories make us react: The neuroscience of narrative. In Cerebrum: the Dana forum on brain science (Vol. 2015). Dana Foundation.

[4] Gerrig, R. J. (1993). Experiencing Narrative Worlds: On the Psychological Activities of Reading.New Haven: Yale University Press. 

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