Interview

Die Gesundheits-App-Entwicklerin

Im Interview

Die Gesundheits-App-Entwicklerin

Anne spricht über ihren Weg von der Krankenpflege hin zur Entwicklung einer App für Borderline-Betroffene.

About

Über Anne

„Es ist meine Leidenschaft, Menschen zu unterstützen. Ich habe definitiv ein Helfersyndrom“, sagt Anne. Und diese Neigung brachte sie dazu, Krankenschwester zu werden. Ein besonderes Interesse galt dabei immer schon der Psyche der Betroffenen. So sprach sie viel mit den Erkrankten – selbst wenn diese wegen ausschließlich körperlicher Diagnosen behandelt wurden.

Nach der Ausbildung arbeitete sie zwei Jahre auf einer Suchtstation und wechselte dann in eine psychiatrische Tagesklinik, in der sie auf einer Station mit dem Schwerpunkt Borderline-Persönlichkeitsstörung und Essstörungen arbeitete. Die Station war zertifiziert als Station für Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), ein spezielles Therapieverfahren für Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Dort wurde Anne sehr gefördert. Sie konnte sich zur DBT-Therapeutin für Pflegeberufe weiterbilden und leitete mehrere Therapiegruppen. In diesem Rahmen fielen ihr verschiedene Schwierigkeiten bei den Betroffenen auf – unter anderem was die Übertragbarkeit des Erlernten in den Alltag anging. Im Jahr 2018 kam ihr die Idee einer App zur Unterstützung von Borderline-Patient:innen im Alltag. Sie gründete gemeinsam mit ihrem Partner ein Unternehmen und fand einen Entwickler, der die ersten Inhalte und das Design codierte. Auf einem Event für die Start-up Szene, wurden sie schließlich für ein mögliches Incubatorprogramm angesprochen. Kurz darauf bewarben sie sich und erhielten das Stipendium. Dies führte dazu, dass beide innerhalb eines Monats ihre Jobs kündigen mussten.

Seitdem arbeitet Anne selbstständig als Gründerin und Geschäftsführerin der MySkills App, die sich an Betroffene mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung richtet. Durch die App erhalten die Betroffenen Informationen zur Störung. Außerdem können verschiedene Fertigkeiten-Module durchlaufen werden, um einen besseren Umgang mit der Störung zu finden. Dazu gehört Stresstoleranz, Achtsamkeit, Selbstwert, und Sozialkompetenz. Ebenso gehört ein beständiges Tracking der aktuellen Anspannung dazu, um einschätzen zu lernen, wann und wie oft diese sich ändert. Es gibt kein festes Kursprogramm, die Anwendenden können selbst entscheiden, welches Modul sie durchlaufen möchten. Die App ist fertig entwickelt, wirksam und ein Medizinprodukt. Annes Ziel ist es, die App mit Beginn des Jahres 2023 als verschreibungsfähige „App auf Rezept“ gelistet zu sehen.

Reingezoomt

Ein Arbeitstag

„Im Schnitt arbeite ich von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr abends – oder auch mal länger und auch öfter mal am Wochenende. Wenn ich aufstehe, erstelle und poste ich zunächst Beiträge für Social Media. Dann setze ich mich an meinen Schreibtisch, strukturiere mich, arbeite die eingegangenen Mails und die Anmeldungen zur App ab. 

Abgesehen von dieser Regelmäßigkeit sind meine Tage sehr unterschiedlich. Manchmal spreche ich mit der Studienleitung, manchmal beschäftige ich mich mit Medizinprodukt-bezogenen Themen. Ich bin in vielen Meetings und arbeite viel am PC. Da wir noch ein kleines Team sind, arbeite ich aus dem Homeoffice.“ 

"Erfolg ist für mich, wenn die Betroffenen wirklich profitieren und die App weiterempfehlen, sodass klar wird, dass wir einen Mehrwert erschaffen haben."

Anne

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Work-Life-Balance

„Das Thema ist unglaublich wichtig. Ich bin eine Befürworterin der 4-Tage-Woche. Auch finde ich, dass man sich, wenn es einem körperlich oder psychisch nicht gut geht, sich nicht durch einen Arbeitstag quälen, sondern sich krank melden sollte. Das ist besonders in den sozialen Berufen oft ein Problem. Die Gesundheit sollte vor dem Beruf stehen und gesund bleibt man nur, wenn die Balance zwischen Arbeit und Freizeit da ist. Gerade als Gründerin muss man sich das immer wieder aktiv vornehmen. Eine 50:50-Balance ist da schwierig. In der Anfangszeit habe ich durchgehend auch am Wochenende gearbeitet. Irgendwann geht das an die Substanz.“

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Das Thema Traumberuf

„Immer wenn man das, was man sehr gerne tut zu seinem Job macht, wird es schwierig, finde ich. Denn dann muss man sich ja von der Tätigkeit, die zuvor das Hobby war, finanziell über Wasser halten. Außerdem kommen dann oft ganz andere Tätigkeiten dazu, die nicht unbedingt mehr etwas mit dem Hobby zu tun haben. Ob das dann der Traumjob ist – ich weiß es nicht. Daher würde ich persönlich die Dinge, für die ich brenne, lieber als Hobby machen. Natürlich sollte man aber einen Job haben, der einen gerne zur Arbeit gehen lässt. Aber es muss nicht unbedingt die große Leidenschaft sein.“

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Sollte man wissen, wo man in 10 Jahren stehen möchte?

„Ich finde es sinnvoll, Träume zu haben und danach streben, diese zu erreichen, unabhängig davon wann man sie erreicht. Zum Beispiel träume ich davon, mit der App möglichst viele Menschen zu erreichen, irgendwann weniger Stress zu haben und mal wieder Urlaub zu machen. Aber da sich die Dinge täglich anders entwickeln, sollte man nicht zu verbissen planen. Daher halte ich von einem 10-Jahres-Plan nicht so viel.  Kleinere Ziele finde ich sinnvoller, denn da ist das Potential für Enttäuschung geringer.“

"Als Gründerin setzt man sich jeden Tag mit Dingen auseinander, für die man nicht ausgebildet ist."
Anne

Gesundheits-App-entwicklerin

Der Job

Wie wird man Gesundheits-App-Entwicklerin?

Jede Person kann eine Gesundheitsapp entwickeln. Dabei ist es aber von Vorteil, wenn man aus dem Gesundheitsbereich kommt und/oder IT- bzw. Programmierkenntnisse hat. Im ersten Schritt geht es um die Nutzbarkeit und das Design der App, die zu einem Prototypen entwickelt wird. 

Um als „App auf Rezept“ oder digitale Gesundheitsanwendung (DiGA), also verschreibungsfähige App mit medizinischem Zweck, zugelassen zu werden, muss ein Antrag auf Zulassung beim Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erfolgen. Dabei werden hohe Anforderungen and die App gestellt – unter anderem bezüglich Datenschutz und Informationssicherheit. Zudem werden die Qualität der medizinischen Inhalte, die Nutzerfreundlichkeit und Robustheit der App geprüft. Es folgt eine Abwägung des Risikos, das bei der Nutzung besteht, gegen den Nutzen. Der Nutzen sollte dabei deutlich überwiegen. Schließlich muss die Wirksamkeit der DiGA ausreichend belegt sein.

Wie sind die Verdienstmöglichkeiten?

In der Anfangsphase verdient man sehr wenig. Als Entwicklerin einer Gesundheits-App muss man sehr in Vorleistung gehen, bis die App als Medizinprodukt und DIGA zugelassen ist. Es braucht mehrere Jahre, bis man keine roten Zahlen mehr schreibt. Grundsätzlich sind im Verdienst aber keine Grenzen nach oben gesetzt.

Welche Stressoren bringt Dein Beruf mit sich?

  • Die Menge an unterschiedlichen Jobs. Man ist alles und nichts: Projektmanagerin, Marketingbeauftragte, Content-Managerin, Entwicklerin und PR-Beauftragte. In all diesen Bereichen ist man nicht ausgebildet und man muss sich sehr viel anlesen.
  • Wenn man möchte, dass die App ein Medizinprodukt wird, ist man in der Gestaltung nicht so frei, kann nicht ständig etwas am Produkt ändern.
  • Man hat am Anfang wenig Geld, um Leute einzustellen und sich selbst den Druck zu nehmen. 

Welche Glücksmomente gibt es?

  • Wenn Betroffene schreiben, dass die App ihnen hilft. Da geht mir das Herz auf und das motiviert mich und mein Team, weiterzuarbeiten.
  • Wenn man Meilensteine wie den Status als Medizinprodukt oder die erfolgreiche Pilotierung erreicht hat.

  • Wenn Investoren einem vertrauen, an die Idee glauben und somit in unser Unternehmen investieren und uns unterstützen.

Welche Eigenschaften sollte man als Gesundheits-App-Entwicklerin haben?

  • Geduld
  • Mut
  • Zuverlässigkeit
  • Ehrgeiz
  • Kommunikationsfähigkeit 
  • Einfühlsamkeit

Denkanstöße

In ihrer Zeit als Gesundheits-App-Entwicklerin hat Anne über sich selbst gelernt, dass sie geduldiger ist, als sie dachte, und dass sie gut darin ist, auf ihre Grenzen zu achten. „Kenntnisse aus der Dialektisch Behavioralen Therapie helfen auch mir als Nicht-Betroffener bei der Regulation von Stress. Ich mache Dinge zum Beispiel oft achtsam, wenn ich sie mache. Außerdem tue ich etwas für mich, wenn ich merke, dass eine Grenze erreicht ist.“ 

Annes Geschichte ist auf mehreren Ebenen inspirierend. Zum einen zeigt sie, dass es mit Mut und Geduld möglich ist, ein so großes Unterfangen außerhalb der eigenen Komfortzone wie die Entwicklung einer App auf Rezept durchzusetzen, ohne dass man dafür alle relevanten Vorkenntnisse besitzt. Zum anderen ist die inhaltliche Ausrichtung von Annes App ein zukunftsweisender Schritt in der Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung: Sie ist nicht darauf ausgerichtet, eine Therapie zu ersetzen, sondern eine Therapie zu unterstützen – sei es während einer laufenden Therapie, als Vorbereitung auf eine Therapie oder als Nachsorge. Gerade im Bereich der Borderline-Therapie gibt es zu wenig spezialisierte Psychotherapeut:innen, die Wartezeiten sind lang. Annes App schließt hier eine Versorgungslücke.

Und wie geht es weiter? „Wir würden gerne weitere Apps entwickeln für viele andere Störungsbilder, bei denen Emotionsregulation eine Rolle spielt.“

Social media

Hier erfährst Du mehr über Anne!

Kennst Du in diesem Zusammenhang schon das Interview mit der Pflegefachkraft Eva-Maria?

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