Interview

Die Brandmeisterin

Im Interview

Die Brandmeisterin

Wie ist es, die einzige Frau unter 400 Kollegen zu sein? Emily spricht über schwierige und schöne Einsätze, Kameradschaft, Schlafmangel und Abenteuer. 

Emily Meins

Über Emily

Sie ist wieder die erste Frau seit 14 Jahren in der Berufsfeuerwehr Lübeck. Aktuell kommen auf 400 Dienststellen fünf Frauen und Emily war die erste von ihnen. Warum so wenig Frauen? „Vermutlich liegt daran, dass man als Brandmeisterin zuvor ein Handwerk erlernt haben muss“, spekuliert Emily. 

Sie selbst ist gelernte Zahntechnikerin, hat fünf Jahre in dem Beruf gearbeitet. Allerdings war ihr relativ früh klar, dass das nicht ihr Traumberuf ist. Zuviel Schreibtischarbeit. Sie wollte raus. Gemeinsam mit ihrem Vater war sie damals Teil der freiwilligen Feuerwehr. Irgendwann sagte sie aus Spaß zu ihm, dass sie zur Berufsfeuerwehr gehen wolle. „Das schaffst Du nicht“, sagte ihr Vater. Das stachelte Emily Kampfgeist an. 

Zwei Jahre trainierte sie für den anspruchsvollen Sporttest. Im ersten Jahr verfehlte sie die nächste Runde um genau einen Platz. Im zweiten Jahr hat es dann geklappt. Seit 2017 ist sie nun bei der Berufsfeuerwehr Lübeck. 

Ich traf Emily zum Interview, um mit ihr über ihren turbulenten Arbeitsalltag zu sprechen.

Reingezoomt

Ein Arbeitstag

„Morgens komme ich um 6:20 Uhr in die Dienststelle. Ich schaue dann nach, ob ich für den Rettungswagen oder das Löschfahrzeug eingeteilt bin und trinke noch in Ruhe einen Kaffee. Um 7 Uhr ist Dienstbeginn und man übernimmt das Fahrzeug. Wie genau der restliche Tag abläuft ist abhängig vom Wochentag. Montags ist Fahrzeugpflege, freitags ist Wachpflege. Dazwischen sind Arbeits- oder Übungsdienste. Jeder Tag besteht aus einer Frühstücks- und einer Mittagspause. Abends ist Übungszeit, in der man entweder Rettungsdienst oder Brandschutz übt und danach machen alle zusammen Sport. 

All diese Aktivitäten werden immer wieder durch Einsätze unterbrochen. Dann piept der Melder, man bricht seine Arbeit ab, zieht sich um und fährt los. Das passiert ca. sechs Mal pro Dienst, wenn man Löschfahrzeug fährt. Beim Rettungswagen sind die Einsätze häufiger, ungefähr 15 Einsätze in 24 Stunden. Daher darf man nicht länger als 12 Stunden am Stück den Rettungswagen fahren und wechselt dann auf das Löschfahrzeug. Dienstende ist am nächsten Tag um 7 Uhr.“

Ich bereue keinen einzigen Tag als Brandmeisterin!

Emily Meins

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Work-Life-Balance

„Ich liebe meinen Beruf, aber ich liebe auch mein Privatleben. Durch den Schichtdienst habe ich viel Urlaub und den nutze ich auch komplett für Reisen. Im Urlaub gehe viel klettern und bergsteigen und beschäftige mich dann auch nicht mit meinem Beruf. Zum Beispiel war ich im vergangenen Jahr auf vierzehn 4000ern. Ich hatte einmal einen Motorradunfall, bei dem ich sehr viel Glück hatte. Das hat mir gezeigt, dass ich das Leben auskosten will bzw. sollte und seitdem nutze ich wirklich jeden Urlaubstag fürs Reisen und Ausleben meiner Hobbies.“ 

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Das Thema Traumberuf

„Ich glaube schon, dass man das, was man macht, lieben sollte. Mein absoluter Traumberuf ist Pilotin, allerdings fehlt mir Geld und Zeit und ich hätte schon viel früher anfangen müssen. Aber ich liebe auch meinen jetzigen Beruf und das reicht mir zum jetzigen Zeitpunkt völlig aus.“

Was denkst du ...

Sollte man wissen, wo man in 10 Jahren stehen möchte?

Ich denke, man sollte einen Plan haben, von dem man aber auch abweichen darf. Zum Beispiel war es mein Plan, nach fünf bis sechs Jahren den Taucherschein zu machen und das mache ich jetzt auch. Und ich weiß, dass ich irgendwann in die Aus- und Fortbildung gehen möchte. Wenn ich das nicht wüsste, wüsste ich nicht, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenken soll. Daher lohnen sich grobe Pläne.“

"Erfolg ist für mich, wenn man mit sich zufrieden ist. Mir ist klargeworden, dass man sich über die sozialen Medien mit einem Idealbild der Menschen vergleicht, und nicht mit der Realität. Man sollte zu sich selbst finden und das funktioniert nicht über Vergleiche."
Emily Meins

Brandmeisterin

Der Job

Wie wird man Brandmeisterin?

Um zur Berufsfeuerwehr gehen zu können, muss man entweder einen Handwerksberuf erlernt haben oder eine medizinische Ausbildung gemacht haben. In Hamburg wurde dieses Modell allerdings schon umgestoßen. Dort kann man direkt nach der Schule eine Ausbildung zur Brandmeisterin machen. Das Bewerbungsverfahren sieht mehrere Auswahlrunden vor: Zuerst müssen die Bewerber*innen einen Theorietest (Allgemeinwissen, Mathe, Deutsch) und einen körperlichen Eignungstest (Sporttest) absolvieren. Beim Sporttest gibt es keine Sonderregelung für Frauen. Auch diese müssen in der Lage sein, eine 80 kg schwere Person zu bergen. Darauf folgt ein persönliches Gespräch sowie eine Aufgabe, die im Team mit mehreren Bewerber*innen gelöst werden soll. In der Regel sind die wenigen Stellen heiß umkämpft. Mit einer Quote von 200 Bewerber*innen auf sechs Stellen muss gerechnet werden.

Wie sind die Verdienstmöglichkeiten?

Ich bin über die Stadt als Kommunalbeamtin verbeamtet. Aktuell bin ich in der Besoldungsgruppe A7. Wenn ich den Taucherlehrgang gemacht habe, steige ich in die Gruppe A8 auf. Wenn ich studiert hätte, oder die Laufbahn des gehobenen Dienstes absolvieren würde, würde ich direkt in A10 einsteigen.

Welche Stressoren bringt Dein Beruf mit sich?

  • Der schlechte Schlafrythmus: Selbst wenn ich im Dienst schlafen kann, ist das eher ruhen als wirklich schlafen. Wenn ich nämlich in die Tiefschlafphase fallen würde und dann ein Einsatz käme, der 100 % Aufmerksamkeit von mir erfordert, dann wäre das problematisch.
  • Manche Einsätze hängen mir schon nach, allerdings sind das nicht immer die ganz schlimmen Einsätze. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die einem nahegehen, wie eine Oma, die ganz allein ist und niemanden zum Reden hat. Das führt dazu, dass man sich Gedanken über das Leben macht oder Dinge in Frage stellt.

Welche Glücksmomente gibt es?

Es ist das Gesamtpaket, was mir sehr gefällt. Wenn man keinen Einsatz hatte, hatte man einen super Tag mit den Kollegen. Die Kameradschaft untereinander ist groß. Und aus jedem Einsatz kann man etwas für sich lernen und mitnehmen – sei es nur ein bisschen Menschlichkeit.

Welche Eigenschaften sollte man als Brandmeisterin haben?

  • Teamfähigkeit
  • Man sollte nicht zu sensibel sein. 
"Jeder Kollege hat einen Frauenwitz auf Lager, den er mir irgendwann erzählen möchte. Nach 5 Jahren Dienst habe ich jeden Witz gehört."
Emily Meins

Denkanstöße

Das Gespräch mit Emily war so faszinierend für mich, weil es das erste Interview war, welches ein eine Frau in einem extrem männlich besetzten Berufsfeld in den Mittelpunkt rückt. Emilys Erfahrungen aus fünf Jahren Berufsleben und ihre Sicht auf Gleichberechtigung und Genderthemen fand ich daher besonders interessant.

„Ich glaube, dass viele Männer Frauen mehr annehmen als wir denken und gerade deswegen auch genervt vom Gendern sind“, sagt sie. „Aber das Gendern ist ja nicht das Urproblem, was wir Frauen haben. Wenn uns insgesamt mehr zugetraut würde, dann wäre uns das Gendern egal. Ich kenne keine Frau in klassischen Männerberufen, die sich darüber aufregen würde, wenn man zum Beispiel als „Soldat“ bezeichnet wird. Mich stört es nicht mal, wenn ich als Teil der Truppe mit „Jungs“ angesprochen werde. Das Nervige ist, wenn einer meiner Kollegen daraufhin zu mir sagt „Emily, du bist auch gemeint“. Ich glaube, dass die Jungs dann nur adäquat darauf reagieren möchten, dass ich eine Frau bin. Aber trotzdem ist es nervig, dass mein Geschlecht immer ein Thema ist. Daher denke ich manchmal, dass das Gendern die Kluft noch größer macht, weil dadurch die Aufmerksamkeit so auf das Geschlecht gelenkt wird.“

Insgesamt zeichnet Emily ein Bild eines Berufs, der viel abverlangt, aber noch mehr zurückgibt. Ein Beruf, bei dem man sich nicht fragen muss, was der Sinn hinter dem ist, was man tut. Ein Beruf, der einen immer wieder an die eigenen Grenzen und darüber hinaus bringt. 

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Hier erfährst Du mehr über Emily!

Ob durch Schichtdienst oder einfach so: Schlafstörungen sind extrem häufig und lästig. Kennst Du schon meinen Artikel zur Therapie von Insomnie? 

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